Vom Seidenbau und alten Berufen

Mit einem Stadtrundgang begann die Historische Gesellschaft ihr Programm für das 2. Halbjahr. Dazu führte Stadtführerin Barbara Breiding-Voepel interessierte Mitglieder und Gäste des Vereins bei hohen Temperaturen zweieinhalb Stunden durch Nienburgs Altstadt. Im Mittelpunkt standen dabei alte Berufe, aber auch die Geschichten einzelner Straßen. So ist es nur noch schwer vorstellbar, dass die enge Weserstraße einst eine Hauptverkehrs- und Geschäftsstraße Nienburgs war. Von 1723 bis 1903 bildete die große Steinbrücke, auf die sie hinführte, den weit und breit einzigen Flussübergang. Ein Relief an einem Rathausgiebel zur Langen Straße erinnert heute noch daran.

Aus der Vielzahl der in der Nienburger Altstadt einst ansässigen Berufe werden anschließend der Seidenbau und die Berufe der Gerber, Müller und Tuchmacher näher erläutert.

Auf Initiative von Pastor J.C. Achaz Holscher war im Jahre 1839 ein „Verein zur Beförderung des Seidenbaus“ in Nienburg gegründet worden, um Verdienstmöglichkeiten für die Bevölkerung unter sozialen Gesichtspunkten zu schaffen. Seidenbau sei aber „nicht nur ein Gewerbe, sondern auch wesentlich Landwirtschaft“, ließen die Vereinsgründer seinerzeit verlauten, denn mit dem neuen Erwerbszweig untrennbar verbunden waren umfangreiche Anpflanzungen von Maulbeerbäumen, deren Laub die einzige Nahrung der gefräßigen Seidenraupen darstellten. Joachim Niemeyer erinnerte sich während des Rundgangs sogar an die Anpflanzung von Maulbeerbäumen auf dem Schulgrundstück in Brokeloh, so groß war die Nachfrage. Pastor Holscher ließ dazu eine Seidenbau-Zuchtanstalt sowie eine „Filanda“ (Seidenspinnerei) in der heutigen Seidenbaustraße zwischen Mühlenstraße und Weserwall einrichten und verbesserte ständig die Arbeitsabläufe. Dadurch errang die Nienburger Seide eine anerkannt hohe Qualität und wurde überwiegend nach Berlin, aber auch nach Italien, Frankreich und in die Schweiz verkauft. Nienburg wurde zum Zentrum des Seidenbaus im Königreich Hannover. Später ging die Nienburger Seidenraupenzucht an einer Pilzkrankheit zugrunde.

Völlig verschwunden ist der Beruf des Gerbers aus der Nienburger Altstadt. Als Gerben wird die Verarbeitung von rohen Tierhäuten zu Leder bezeichnet, eine der ältesten kulturellen Errungenschaften der Menschheit. Mit dem Einsatz von Gerbstoffen (Eichenrinde) wurde das Hautgefüge stabilisiert. Aufgrund der damit verbundenen Gerüche waren die Gerber in der Stadt nicht gern gesehen und wurden nach der Schleifung der Festungsanlagen (1808) am Stadtrand angesiedelt. Dies geschah in Nienburg am Meerbach im Bereich der heutigen Europawiese. Dort bestand die Möglichkeit, die Felle auch zu wässern. Manchmal schwamm auch ein Fell im Meerbach davon. Daher gibt es auch heute noch die Redewendung „dem sind die Felle davon geschwommen“.

Anfangs wurde die Eichenrinde (Lohe) in der Kornmühle am Mühlentor gemahlen, was immer wieder zu Engpässen mit den Kornmüllern führte, später dann durch die Initiative der Gerber (1847) im Leintor die Vereinsmühle gebaut, die heute noch im zu sehen ist

Zu einem weiteren Berufsstand am Meerbach gehörten die Tuchmacher, die aus Schafwolle gewebte Stoffe durch Walken und Kardieren zu festen Stoffen verarbeiteten. Die Walkmühle befand sich ebenfalls an der Mündung des Meerbaches in die Weser.

Abschließend bedankte sich Klaus Lünstedt bei der Kreismedienstelle, dem Gesundheitsamt des Landkreises Nienburg, dem Museum Nienburg, dem Stadtarchiv und HGN-Vorstandsmitglied Heike Ostermeyer für die Unterstützung bei der Vorbereitung der Veranstaltung sowie Barbara Breiding-Voepel für den interessanten Stadtrundgang und sagte zu, einen weiteren Stadtrundgang in das Jahresprogramm 2021 aufzunehmen.


 

Seit ihrer Gründung im Jahr 2006 hat die Historische Gesellschaft eine Vielzahl von Programmen mit Vorträgen, Radtouren und Exkursionen ehrenamtlich organisiert und durchgeführt.
 
Auch für das Programmjahr 2020 haben wir wieder auf eine bunte Mischung an Themen, aber auch auf neue Formen von Veranstaltungen gesetzt.
 
Weiterhin sind alle Veranstaltungen öffentlich und können bis auf die Exkursionen kostenlos besucht werden.
 
Wir danken unseren Förderern, der Sparkasse Nienburg und dem Landschaftsverband Weser-Hunte e. V., für ihre großzügige Unterstützung.
 
Wenn Sie unsere Kulturarbeit unterstützen wollen, können Sie dafür spenden oder Mitglied werden!
 
Wir freuen uns auf Ihre Teilnahme!
Das Präsidium


Datum: 31.10.2020